Datenterrorist
"Anarchie ist Freiheit und Gesetz ohne Gewalt" - Immanuel Kant _

.:: Die roten Rächer ::.

Es gibt auf meiner Autorenseite eine neue Kurzgeschichte "Die roten Rächer", die ich mal vor vier Jahren für einen Literaturwettbewerb geschrieben hatte. Viel Spass beim lesen! :)
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03.08.15 14:59:42 - balle - 146 comments - Kurzgeschichten


.:: Doppelter Unfall ::.

"Du hast sie gesehen?" fragt er ungläubig und wirft Dir einen Blick zu, als wärst Du nicht ganz richtig im Kopf. Deine Hände umklammern krampfhaft das Bierglas und zittern so stark, das einiges von dem Bier auf den hellen Holztisch schwappt.
"Erzähl weiter."
Flehender Blick. Du bist den Tränen nahe.
"Dad, ich..."
Doch er lässt nicht locker.
"Deswegen bist du doch hergekommen. Also erzähl mir wann und wo."
Du siehst zweifelnd zur Seite auf die Kommode. Der Fernseher flimmert tonlos irgendeine Abendsendung in den Raum, fängt Deinen Blick (Heile Welt.), bis Du Dich schließlich dazu zwingst ihm wieder ins Gesicht zu schauen. Er sieht mürrisch aus, nickt ruhig, kratzt sich durch den grauen Vollbart und mustert Dich eindringlich, während er seinen stämmigen Körper im Ledersessel zurück lehnt. Du trinkst noch einen großen Schluck Bier.
"Letzte Nacht. Ich... Ich bin irgendwann aufgewacht und hatte Durst. Ich bin die Treppe runter, durch den Flur und...“, eine erste Träne kullert Dir über die Wange, „Da saß sie im Dunkeln in der Küche. Am Küchentisch."
Dein Vater lässt ein ungläubiges Brummen oder Knurren hören und Du fragst Dich für eine Sekunde, wie zum Henker Du auf die blöde Idee gekommen bist Dich ausgerechnet ihm anzuvertrauen. Er wird Dir doch wahrscheinlich eh nicht glauben. Trotzdem erzählst Du weiter, weil Du es jemandem erzählen musst, wenn Du nicht völlig durchdrehen willst.
"Sie saß am Küchentisch. Die Laterne vor dem Fenster... Die Jalousien waren nicht runter gelassen. Es war gerade hell genug, dass ich sie sehen konnte. Sie hatte irgendwas in den Händen und spielte damit rum. Was konnte ich nicht genau erkennen.“
(Es war ein Stein. Ein blauer Stein.)
„Und als ich in der Tür von der Küche stand da... Da..."
Nun kannst Du die Tränen doch nicht mehr zurück halten, schaust rasch auf den Boden, schluckst.
"Sie hat mich angesehen, Dad. Sie saß da und hat mich angesehen. Sie... hat gelächelt. Ihr süßes Lächeln. So wie früher. Als wäre nichts geschehen."
Du schluchzt, während Dein Vater sich in seinem Sessel nach vorne beugt, die Hände auf die Knie seiner Latzhose stützt und Dich mit messerscharfem Blick ansieht. Ein Blick, der sich förmlich in Deine Seele bohrt.
"Und was ist dann passiert?"
Du würdest am liebsten im Erdboden versinken, trinkst hastig den Rest des Glases leer und öffnest eine weitere Flasche, die letzte von dem Six-Pack.
"Was ist dann passiert? Hat sie was gesagt? Und hör endlich auf so viel zu saufen!"
Schuldbewußt zuckst Du zusammen.
"Nein. Nein, ich... hab das Licht angeschaltet. Es war so hell, dass ich die Augen zusammen kneifen musste und dann... War sie weg. Ich war wieder allein."
Der nächste Schluck Bier.
"Allein. Wieso hab ich bloß das scheiß Licht angemacht?! Wäre das Licht nicht gewesen wäre sie noch da!"
"Martin."
Bier.
"Du hättest ihr Lächeln sehen sollen, Dad."
"Martin!"
"Es war zauberhaft."
Dein Vater holt aus und verpasst Dir eine schallende Ohrfeige, die Dich in Deinem betrunkenen Zustand fast vom Stuhl haut. Erschrocken starrst Du ihn an.
"Martin! Hör mir zu! Steffi ist tot. Sie ist tot. Verstehst du das?"
Du schüttelst nur wild den Kopf.
"Nein. Nein, das ist nicht wahr. Ich hab sie gesehen, Dad! Sie war da und ich hab sie gesehen. Sie ist nicht tot!"
Er schlägt Dir erneut ins Gesicht, brüllt Dich an: "Martin komm zu Dir! Deine Frau hatte vor zwei Monaten einen Autounfall. Sie ist tot! Tot! Herrgott nochmal!"

Plötzlich erfüllte blaues, blinkendes Licht die nächtliche Landstraße. Eine junge Frau, Anfang dreißig, blondes Haar, grüne, schmerzverzerrte Augen, die durch den Notarzt, der neben ihr stand, hindurch starren. Ein Beatmungsgerät auf Mund und Nase, schon wurde die Trage in den Krankenwagen gehievt.
Keine halbe Stunde später starb sie, erlag ihren inneren Blutungen, während Du draußen im weißen Krankenhausgang vor Angst auf und ab gewandert warst. Bis... Bis der Arzt kam. Bis...


(... sie verreckt ist! Qualvoll! Und Du konntest nichts tun!)
Wut und Schmerz umklammern Dein Herz. Du springst vom Stuhl auf, der krachend zu Boden fällt, und kreischt: "Sie ist nicht tot! Ich weiß was ich gesehen hab! Sie lebt!"
Eine Handbewegung fegt sämtliche Bierflaschen klirrend vom Tisch.
„Sie leeeeebt!“
Völlig außer Dir reißt Du die Jacke von der Lehne und rennst zur Tür.
"Martin, Du steigerst dich da in was rein. Sei vernünftig! Sie wird nicht mehr zurück kommen. Martin!"
Als Antwort eine Tür, die krachend ins Schloss fällt.

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12.07.08 16:48:02 - balle - 31 comments - Kurzgeschichten


.:: Eine kleine Geschichte ::.

Seufzend blättert sie die Seite ihres Buches um.
Eine weiße Seite mit keinerlei Inhalt.
Eine Seite, die ihr so leer erscheint wie der Rest ihres Lebens.
So leer und... Sinnlos.
Wieder seufzend schmeißt sie das Buch achtlos hinter sich auf die Rückbank und schaltet in der selben Bewegung das Licht aus. Ein kalter Wind weht durch die herunter gelassenen Scheiben des Wagens herein, bildet runde Burgen des Widerstands auf ihren Unterarmen und sie schließt wie aus Reflex die Fenster. Nur ein Knopfdruck (Sirrrrr) und schon fährt das harte Plastik langsam nach oben und der Widerstand verschwindet. Schneidet ihre Welt sauber von der Außenwelt ab. Sie könnte jetzt schreien, schreien so laut sie wollte und man würde sie kaum in dieser anderen Welt wahrnehmen, geschweige denn...
Ihr Kopf schreckt kurz hoch! Hat sich da draußen etwas bewegt?
Irgendein Vogel fliegt mit lauten Gezeter (ohne dass sie einen Laut davon hört) vorüber. Sie lacht. Wie dumm von ihr... "Es geht dir gut." summt die Klimaanlage und bläst automatisch lauwarme Luft ins Wageninnere.
(Alles in Ordnung.)
"Sowas blödes... Ich bekomme eine Gänsehaut und das wegen eines dummen Raben. Hab wohl zu viel Alfred Hitchcock gelesen in letzter Zeit." In ihren Gedanken rauscht kurz ein Fernseher in schwarz-weißem Schnee, ohne dass sie es wirklich wahrnimmt, bevor sich das Bild allmählich scharf stellt. In diesen Gedanken legt ihr Mann sanft seine Hand um ihr Haar, streichelt es... So wie er es früher andauernd getan hatte. Liebkost sie und flüstert "Ich liebe dich, Darling!". Alles scheint wunderschön. Ein gehauchtes Gefühl, das sanft in ihren Ohren kitzelt. Sie packt sich mit der rechten Hand kurz an ein Ohrläppchen. Nur so eine dumme Angewohnheit vor ihr. Die Umgebung wird wärmer... und freundlicher. Es sind zwar nur Gedanken, doch sie fühlt sich sichtlich wohler. Ihre Finger greifen nun nach dem runden, geriffelten Lautsprecherknopf des Radios. Soll ich es anschalten?
(Warum denn nicht?)
Eine Weile Zeit schleicht vorüber.
(Los mach schon.)
Wie Nebel auf eines Farmers Feld.
Dann weichen ihre Finger zurück. Die Kamera reißt sich mit kurzem Ruckeln von der Szenerie, schwenkt durch die Außenscheibe neben ihrem Kopf. Ein Wagen, Farbe unbekannt. Dunkel. Tageszeit Nacht. Umgebung? Sie dreht sich langsaaaam im Kreis. Nichts als tiefschwarze Nacht. In der Ferne ein Waldesrand mit einer Holzhütte. Die gezackten Umrisse des Waldes heben sich vom Horizont ab. Schwarz auf dunkelstem Blau.
Wie der Nacken eines schlafenden Drachens.
Ein Zoom nach oben. Vereinzelt könnte man ein paar Sterne vielleicht erahnen, doch... das erscheint eher als Einbildung. Als Einbildung, um sich nicht so allein zu fühlen.
(Dein Freund ist schon viel zu lange weg... Nicht wahr?)
So allein und...
(Was treibt er da bloß?)
"Sei still!" zischt sie. Keinerlei Reaktion. Woher denn auch? Sonst ist ja niemand da. Ihre rot lackierten Nägel trommeln nervös auf das Amaturenbrett.
"Er kümmert sich um unsere Geschäfte."
...
Nichts. Nur Dunkelheit vor der Windschutzscheibe. Und trommelnde Nägel.
(Natürlich tut er das... NUR das... Eure Geschäfte...)
Starr und stumm starrt sie in die Nacht. Ihre innere Stimme hat recht... Er ist schon viel zu lange weg, aber er wird sicherlich gleich kommen. Es kann nicht mehr lange dauern bis sich sein muskulöser, großer Körper aus der Dunkelheit schält und fröhlich zum Wagen herüber joggt. Er wird sagen „Da bin ich wieder, Darling.“ und sie auf den Mund küssen. Sie kann es förmlich schmecken und ihn riechen.
(Er hat doch bestimmt eine andere gefunden... Find dich damit ab.)
"Nein, das werd ich nicht!" faucht sie. Ein Blick auf's Lenkrad und dann nach ein paar gelähmten Sekunden auf das Handschuhfach.
(Doch... Sieh es endlich ein!)
Wie gern hätte sie jetzt eine Zigarette. Nur eine... Nur so für den Geschmack. Sie hatte zwar vor zwei Jahren das Rauchen aufgegeben, aber die Ungeduld und die Sorge um ihren Mann verleiteten irgendwelche chemischen Prozesse in ihrem Körper dazu ihrem Gehirn spontan "Ich-will-Nikotin"-Impulse zu senden. In Gedanken hört sie Metallfedern quietschen.
Wie in einem alten Motelbett.
...und stöhnende Laute.
(Wie in einem Bett in einer Holzhütte am Waldrand?)
"HÖR ENDLICH AUF!!!" schreit sie und haut sich mit der flachen Hand vor den Kopf.
(Ganz wie du willst. Ich lasse dich jetzt allein.)
Und wieder nur die Dunkelheit vor der Windschutzscheibe. Dunkelheit und trommelnde Nägel.
Er wird gleich kommen, er wird gleich...
Dann knallt plötzlich etwas gegen die Beifahrerscheibe!

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17.05.08 19:09:36 - balle - 40 comments - Kurzgeschichten